Thomas  Werk

 

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katalog << >> bilder und monumente | edition st. matthäus | 2009

 

 

  

Der Katalog kann über das Büro der Stiftung St. Matthäus
oder in der St. Matthäus-Kirche für 15 EUR erworben werden.

www.stiftung-stmatthaeus.de 
info@stiftung-stmatthaeus.de 

Stiftung St. Matthäus
Auguststraße 80
10117 Berlin-Mitte
Telefon: +49 30 28 39 52 83
Telefax: +49 30 28 39 51 87

 

 

lindemann

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Textauszüge · · ·

Einführung

Christhard-Georg Neubert

Frische und artistische Unbefangenheit im Umgang mit Farben und archaischen Konfigurationen auf Papier und in Metall hat man so wie in den Bildwerken des Berliner Malers, Bildhauers und  Dichters Thomas Werk schon lange nicht mehr gesehen. Erst seit wenigen Jahren drängt sein Werk in die Öffentlichkeit und wird zunehmend von aufmerksamen Beobachtern verwundert zur Kenntnis genommen. Was lässt diese Arbeiten immer wieder so verstörend und reizvoll gleichermaßen erscheinen? Hat es damit zu tun, dass sie sich der eindeutigen Narration entziehen? Ist es die Stille, das Unangestrengte, Ungekünstelte, das so verwundert? Ist es dieser selbstverständliche Gestus in Farbe und Form, der da auf uns zukommt und so wohltuend auf uns wirkt wie ein erfrischender Windhauch in stickiger Luft?

Erstmals versammelt der hier vorgelegte Katalog einen gewichtigen Teil der Arbeiten von Thomas Werk. Reduktion, Stille, Formbewußtsein bestimmen das Sehen. Oftmals dominieren archaische Grundformen: gerade Balken, mal senkrecht, mal schräg, mal waagerecht gestellt, dazu Kreise, Dreiecke, manchmal so etwas wie Verwirbelungen aller dieser Elemente. Trotz ihrer Einfachheit begegnen wir komplexen Gebilden. Bernd Lindemann hat darauf hingewiesen, daß Thomas Werks Arbeiten so etwas wie Zeichnungen sind. Der Künstler gibt dem Geistigen eine umrisshafte Form, die mehr andeutet, als das Ganze schon auszuführen. Möglicherweise bestimmt ihn dabei das Bewusstsein, dass er sich bei dem, was ihn umtreibt, dichter am Unabgeschlossenen bewegt als am festgefügt Definierten. Die in diesem Buche versammelten Arbeiten von Thomas Werk beziehen sich ausnahmslos auf ein biblisches Wort oder einen theologischen Begriff. Jedes Bild trägt einen Titel...

Dieses Buch versucht einen jungen Künstler in seinem vielversprechenden Werk zu würdigen; es will zur Begegnung mit den originalen Arbeiten von Thomas Werk einladen. Besucher  von Ausstellungen Thomas Werks berichten, dass von seinen Arbeiten eine erstaunliche Wirkung ausgeht: Unruhe und Hast verlieren sich, man fühlt sich konzentrierter, gereinigt, auf stille Weise empindlicher geworden für Nuancen des Sehens, und nicht nur für solche auf den Bildern.  Manchmal sind es ja nur die Nuancen, auf die es ankommt, von denen alles abhängt...

Wenn es gelänge, mit diesem Buch auf die Begegnung mit der Kunst von Thomas Werk neugierig zu machen, hat es seinen Sinn erfüllt.
 

 

 

 

 

Notizen zu Thomas Werk

Bernd Wolfgang Lindemann

Thomas Werks Bilder zeichnen sich in jeder Beziehung durch extreme Reduktion aus, radikaler Rücknahme nicht nur des Dargestellten, sondern auch der eingesetzten künstlerischen Mittel. Streng genommen sind seine Arbeiten Zeichnungen: der Bildträger ist Papier, und erst durch die Montage auf Leinwand entsteht die Anmutung von Gemälden. Andererseits arbeitet der Künstler zumeist mit Farbe und breitem Pinsel, klassischen Mitteln und Werkzeugen der Malerei also; doch auch seine Palette ist streng begrenzt: Rot spielt eine wesentliche Rolle, daneben Schwarz, bisweilen ein dunkles Blau. Kreise, Punkte und Balken bestimmen die Kompositionen, mitunter auch verwirbelte Formen. Daneben entstehen, ausschließlich in Kohle angelegt und somit enger der Gattung klassischer Zeichnungen verwandt, zarte kalligraphische Kompositionen, etwa die »Psalmverse« oder der »Schmerzensmann«.

Aller formalen und ikonographischen Reduktion zum Trotz: Thomas Werks Arbeiten lesen sich gegenständlich, häuig sogar unmittelbar anthropomorph; selbst dann bereits, wenn wir uns ihrer Bildtitel noch gar nicht vergewissert haben. Kreise und Balken schließen sich zu Großformen, zu Gesamtkompositionen zusammen; es werden Gegenstände, Einzeliguren, Gruppen erkennbar: »Kreuz«, »Pilgerstab«, »Tisch«, »Hl. Familie«, »Ruhe auf der Flucht«, »Pietà«, »Pilger«, in den verwirbelten Formen Themen wie »Taube« oder »Auferstehender«. In gleichem Maße jedoch lotet der Künstler bei der Namensgebung seiner Arbeiten auch deren grundsätzliches abstraktes Potential aus, wenn er ihnen als Titel Begriffe unterlegt: »Vollmacht« oder »Gebet«. Dies »Unterlegen« darf  übrigens nahezu wörtlich verstanden werden: Regelmäßig finden sich Thomas Werks Bildtitel in mikroskopisch kleiner Schrift gleich unterhalb seiner Signatur. Wir können uns an den Arbeiten bewußt werden, wie sehr zwar der jeweilige Bildtitel »Schlüssel zu einem Sinn« ist (so Umberto Eco in der »Nachschrift« zu seinem Roman »Der Name der Rose«), wie intensiv andererseits Formen und Komposition bei all ihrer Reduktion uns bereits zu Erkenntnis und Lektüre einladen; Lektüre  deswegen, weil selbstverständlich Kreise, Punkte, Balken und Linien traditionell auch Bestandteile von Schrift sind, nicht nur von unserer Buchstabenschrift, mehr noch von Bilderschriften, wie  wir sie aus den Kulturen Ostasiens kennen...

Fragen wir nach europäischen Voraussetzungen von Werks Arbeiten, so ist zunächst die seit dem zweiten Weltkrieg beinahe übermächtige Kunst des Informel zu nennen, sicher auch der abstrakte Expressionismus, in dem das Gestische, das Abbilden des Malaktes selber sich zum Hauptthema der Kunst macht; und dennoch: gerade durch die Rückbindung an Gegenstand und Begriff gelingt es Werk, den vermeintlichen Widerspruch zwischen Mimesis und Abstraktion aufzuheben. Wir können weitergehen und auf Bilderindungen Max Ernsts verweisen, dessen »Großer Wald« in ähnlicher Weise oszilliert zwischen formaler Reduktion und gegenständlicher Lesbarkeit, ja, wir dürfen angesichts von Werks »Kreuz« uns erinnert fühlen an Bild- und Objektzeichen von Joseph Beuys, denen dieses christliche Symbol in ähnlich lakonischer Art eingeschrieben ist...

Auf den ersten Blick ganz anders als diese zweidimensionalen Arbeiten kommen Werks Skulpturen daher: Stählerne Konstruktionen haben wir vor uns, häuig mit glänzend polierter Oberläche. Der Zusammenhang mit den Bildern ergibt sich jedoch bereits aus einem vergleichenden Blick mit den vorbereitenden Zeichnungen, in denen wir einen den übrigen Papierarbeiten absolut entsprechenden Duktus erkennen. Und schließlich sind es wieder jene einfachen Formen | Balken und Kreise | aus denen sich die plastischen Arbeiten zusammensetzen, abermals dazu auffordernd, den zugrundeliegenden Gegenstand oder Begriff unmittelbar aus Form und Komposition zu lesen...

Wie werden sich Werks Arbeiten in einem Kirchenraum präsentieren? Vielleicht überraschend anders lesbar als in den nüchternen Räumen der PAX-Bank, wo es in diesem Winter zu sehen war.  Wir können, aus der Ferne, die Auswahl der künstlerischen Objekte als ein Werk sehen, um uns dann, im nahen Herantreten, in einzelne Arbeiten zu vertiefen. Dem sakral bestimmten Raum wird so eine zusätzliche Sphäre des Meditativen zuteil.

 

 

 

 

Ein robuster Engel

Monika Grütters

Da steht er nun. Geerdet, standfest, handfest, eindeutig und klar. Robust. Ein robuster Engel. Ein Engel? Ganz klar ein Engel - so einfach er ist, so eindeutig ist diese Stahlskulptur ein Engel.

Der Engel, den ich meine, steht in meinem Büro genau gegenüber dem Arbeitsplatz, so dass ich ihn immer im Blick habe, wenn ich das möchte - ihn aber auch immer mal wieder sehe, wenn ich gerade gar nicht daran dachte.

Eine solche zufällige, zuweilen überraschende Begegnung mit meinem Büro-Engel kann ganz urplötzlich den hektischen Arbeitsalltag unterbrechen, eine Sekunde des Innehaltens im schnellen Rhythmus des Geschäfts bewirken. Das gelingt ihm, dem Engel, meinem Engel, den Thomas Werk geschaffen hat, immer wieder - trotz der Vertrautheit, die die Figur für mich schon lange hat,  die sie im Grunde genommen von Anfang an besaß. Was macht diese archaisch anmutende Figur zu einem Engel?

Die Arbeit des Berliner Malers und Bildhauers Thomas Werk begegnete mir, als der Künstler seine Idee einer monumentalen Engelsigur für die Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße vorstellte. Er hatte zur Anschauung sein eigenes kleines Stahl-Modell mitgebracht. Die schiere Größe seines Entwurfs, immerhin 15 Meter im Stadtraum, zwingt den Künstler zu einer radikalen Reduktion der Formen. Dieser minimalistische Ansatz führt zu einem Verzicht auf jede sonst beim Thema Engel so typische Ausgestaltung der Figur mit allerlei Verzierungen. Thomas Werk schafft mit den geometrischen Urformen Kreis, Quadrat, Rechteck eine blockhaft im Raum stehende Gestalt mit ausgebreiteten Armen oder Flügeln, einer Kugel als Kopf und einem fest mit dem Boden verbundenen Sockel...

Ein heutiger Künstler, der immer wieder christlich-religiöse Themen aufgreift - das ist bemerkenswert. Thomas Werk tut dies mit großem Ernst, die Bearbeitung biblischer Themen charakterisiert sein gesamtes künstlerisches Schaffen. Werk selbst steht dabei für genau das, was seine Arbeiten immer wieder künden: Größe, Gelassenheit, Ernst, die Suche nach dem Wesentlichen...

Die eigentliche Bestimmung, die Thomas Werk für seinen Engel vorsieht, ist die Mahnung an einem markanten Standort der ehemaligen Mauer, genauer: dort, wo die Mauer - als Mahnmal - noch heute steht, an der Bernauer Straße. Gerade hier soll mit großem Gestus ein unübersehbares christliches Zeugnis der Zuversicht gegeben werden. Der Engel beschützt, er ist ein Bote Gottes.

Thomas Werk aber möchte mit der monumentalen Skulptur nicht zuletzt intervenieren, ein öffentliches Zeichen setzen, das einerseits fest auf dem Berliner Boden steht, andererseits gen Himmel ragt. An diesem Ort, der so viele erschütternde Szenen an der Mauer und durch das Trennende des Todesstreifens erzählt, könnte dieser unerschütterliche Engel der Stadt einen neuen Ton der Wachsamkeit geben - der Wachsamkeit als einem bedeutenden Element der Erinnerungskultur...

Immer liegt seinen Arbeiten ein gewisser Ernst inne, und doch entbehren viele auch nicht einer stillen Heiterkeit. Die Monumentalität seiner Formen korrespondiert durchaus mit einer Monumentalität im Denken unserer Zeit. Wenn Thomas Werk sich mit »Engeln«, mit dem »Gebet«, mit der »Bergpredigt«, mit dem »Stern« oder mit dem »Kruziix« beschäftigt, dann geht es um existentielle Fragen und Phänomene. Seine Arbeiten sind Zeugnisse seiner Auffassung von Wahrhaftigkeit, von spiritueller Kraft und von einer christlichen Grundierung seines Verständnisses unserer Welt.

Thomas Werks Engel, sein Engel in meinem Büro, mein Engel, er ist wie ein Archetyp jenes Beschützers unseres Lebens, jenes Wächters, jenes Götterboten, dem unser aller Sehnsucht gilt.  In der robusten Ästhetik wird die Erdverbundenheit spürbar. In der Körperhaftigkeit ist er uns nah. Seine Stille ist überwältigend.